Notizen aus dem Eis 144 | Die Schmelze geht langsam weiter


Polarkolumne von Birgit Lutz

Birgit Lutz, eine preisgekrönte Autorin und ehemalige SZ-Journalistin, ist Expeditionsleiterin und gefragte Rednerin.
Ihre Polarkolumne erscheint einmal pro Monat auf unserer Homepage.



Notizen aus dem Eis (144) - Die Schmelze geht langsam weiter


An einem Tag im März erreicht das Meereis in der Arktis alljährlich seine größte Ausdehnung. 2026 nun war es am 15. März so weit.

14,29 Millionen Quadratkilometer des Polarmeers waren am 15. März von Eis bedeckt. Dass dies das Maximum sein wird, weiß man immer erst einige Zeit später, wenn sicher ist, dass die Fläche nun insgesamt wieder abnimmt. Diesen Wert haben Forschende des National Snow and Ice Data Center (NSIDC) an der Universität Boulder in Colorado also jetzt vermeldet, vorläufig noch, aber es wird wohl entweder so bleiben oder nicht viel anders sein.

Das diesjährige Maximum liegt damit noch einmal ein kleines bisschen unter dem Negativrekord von 2025, als 14,31 Millionen Quadratkilometer gemessen wurden. Weil die Zahlen so nah beieinander liegen, sprechen die Forschenden hier jedoch nicht von einem neuen Negativrekord.

Das ist natürlich kein guter Ausgangspunkt für den kommenden Sommer. „Mit diesem niedrigen Wert startet die Frühjahrs- und Sommer-Schmelz-Saison bereits mit einem Vorsprung“, ordnet NSIDC-Wissenschaftler Walt Meier die Zahl ein. „Ein oder zwei Jahre mit besonders geringen Ausdehnungen müssen nicht unbedingt viel bedeuten, nur für sich betrachtet. Aber im Zusammenhang mit dem signifikanten Abwärtstrend, den wir seit 1979 sehen, treiben sie die massive Veränderung des arktischen Meereises über alle Jahreszeiten weiter fort.“

14,29 Millionen Quadratkilometer – das ist noch jede Menge Eis, mag man sich denken. Schaut man aber ein bisschen in der Zeit zurück, kann man den Wert besser einordnen: Der jetzige Wert der größten Ausdehnung liegt 1,36 Millionen Quadratkilometer unter dem Durchschnittswert von 1981 bis 2010. Das ist fast viermal die Fläche von Deutschland.

Also schon eine gewaltige Fläche, die da fehlt, ein ziemliches Loch in der weißen Mütze, die unsere Welt aufhat, mit der sie Energie reflektiert und einen kühlen Kopf bewahren kann. Immer mehr schwarze Flecken bekommt diese Mütze, die dadurch immer mehr Energie resorbiert und die Welt ins Schwitzen bringt, vereinfacht gesagt. Als einer der vielen Faktoren.

Wenn man auf der Suche ist nach positiven Nachrichten, dann kann man vielleicht denken, es ist seit letztem Jahr nicht VIEL weniger geworden. Obwohl es insgesamt sehr warm war. In Zeiten, in denen sich Dinge mittlerweile manchmal rasend schnell ändern, muss man auch dafür dankbar sein: Dass es kein neuer großer Schritt ist, sondern fast ein Gleichbleiben.

Das Meereismaximum ist zudem der wichtigere Indikator als das Minimum. Das Maximum nimmt deutlich langsamer ab als das Minimum. In den Wintern kann sich momentan noch Einiges des Eises also immer wieder neu bilden, das im Sommer immer mehr abschmilzt. Freilich fehlt dem Eis dann die Dicke, die Widerstandskraft, und es schmilzt im Sommer wieder ab. Aber wenn man sich auf das Positive konzentrieren will, ist von dieser Erholungskraft im letzten Jahr nicht viel verloren gegangen.

Und positiv denken, das haben wir doch alle dringend nötig

Wir lesen uns im Mai!

Polare Grüße,
Eure

Birgit Lutz





Verwandte Beiträge: