Abgeschnitten durch riesige Ozeane und die gewaltige Andenkette liegt das kleine dünne Land Chile ganz im Südwesten Südamerikas. Und dennoch sind in diesem abgeschiedenen Land deutsche Kuchen, deutsches Bier, deutsche Schulen, die deutsche Feuerwehr, deutsches Brot sowie deutsche Vereine – vor allem im Süden – allgegenwärtig. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart prägen deutsche Einwanderer das kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben des Landes, wobei ihre Geschichte in Chile sehr vielschichtig ist. Die Zuwanderung der Deutschen in Chile ist zahlenmäßig weitaus geringer als in Brasilien und Argentinien, es sollen laut Goethe-Institut etwa 500.000 Chilenen deutscher (oder schweizerischer oder österreichischer) Abstammung sein. Für etwa ein Zehntel dieser Menschen gilt die deutsche Sprache auch heute noch als ihre Muttersprache.
Etliche große Unternehmen Chiles sind in deutscher Hand. Wohlhabende Familien melden ihre Kinder in der deutschen Schule an und sie gehen bevorzugt in deutsche Kliniken. Wenn man durch Ortschaften und Städte im sogenannten „kleinen Süden“ (gemeint ist damit die Region ab Santiago de Chile bis Puerto Montt) reist, fallen oft typische Merkmale deutscher Bauweisen auf: solide Holzhäuser mit Schindeldächern und hübsch angelegten Gemüse- und Blumengärten oder sogar einzelne Fachwerkhäuser. „Deutsch“ steht in Chile in der Regel für hohe Qualität und Zuverlässigkeit.
Der Ursprung der zahlreichen Einwanderung von Deutschen ins Land geht auf das sogenannte “Selektive chilenische Einwanderungsgesetz” aus dem Jahr 1845 zurück, welches darauf abzielte, Fachkräfte und Handwerker zur Besiedlung von bis dahin unerschlossenen Gebieten im Süden Chiles zu gewinnen. Man wollte die Region urbar machen, die indigenen Mapuche mehr und mehr verdrängen und durch die Präsenz von chilenischen Siedlungen ein eindeutiges Signal Richtung Grenze nach Argentinien senden und die eigene Staatshoheit sichern. Es kamen im Laufe der Jahrzehnte Kaufleute, Forscher, Handwerker, Freiheitssuchende und Verfolgte, aber auch diktatorisch geprägte Parteikader, Militante und Faschisten ins Land…
Rudolf Philippi und sein Bruder Bernhard Philippi mitsamt Familien waren die ersten deutschen Kolonisten, die am 25. August 1846 an Bord des Segelschiffes „Catalina“ im Hafen von Corral ankamen. Anschließend folgten mindestens zehn weitere Schiffe mit deutschsprachigen Einwandererfamilien, die in Corral anlegten. Mit dem Scheitern der Deutschen Revolution 1848/49 folgten viele deutsche Familien dem Ruf in eine neue fremde Heimat im noch menschenleeren Südchile. Chile war damals das einzige lateinamerikanische Land, das die von den Einwanderern geforderten Freiheitsrechte garantierte.
“Wir werden ehrliche und fleißige Chilenen sein wie der, der es am meisten ist, wir werden uns unseren neuen Landsleuten anschließen, und unsere Wahlheimat gegen irgendeine ausländische Unterdrückung verteidigen, mit der Entschlossenheit und Festigkeit eines Mannes, der sein Land, seine Familie und seine Interessen verteidigt. Das Land, das uns als Söhne adoptiert, wird niemals einen Grund haben, sein aufgeklärtes, menschliches und großzügiges Verhalten zu bereuen…”
- Carl Anwandter, deutscher Einwanderer, 1851 - Carl Anwandter stammte aus einer wohlhabenden preußischen Familie und war Apotheker, Kaufmann und Politiker. Er wurde zur geistigen, politischen und wirtschaftlichen Leitfigur der deutschen Einwanderer, die sich in der Stadt Valdivia niederließen.
Jahrzehnte später während des Zweiten Weltkrieges kamen deutsche Juden und politische Flüchtlinge nach Chile. Und als der Krieg zu Ende war, suchten Nazis in verschiedenen südamerikanischen Ländern Exil – so auch in Chile. Nach dem Ende der Diktatur unter Pinochet 1990 kehrten viele Exilchilenen aus Deutschland zurück in ihre Ursprungsheimat und brachten dabei auch ihre deutschen Familienangehörigen mit. Der tatkräftige Einsatz, die Leidensfähigkeit sowie der Ideenreichtum der Einwandererfamilien wurden zum Gewinn für die chilenische Wirtschaft und Kultur der Region.
Allerdings trugen deutsche Einwanderer auch zu den dunkelsten Kapiteln der chilenischen Vergangenheit und zu furchtbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit bei. Der deutsche Einwanderer und ehemalige evangelische Jugendpfarrer Paul Schäfer gründete nahe der Stadt Parral Anfang der 1960er Jahre die totalitäre Sektengemeinschaft Colonia Dignidad. Deren Mitglieder wurden Opfer von Unterdrückung, Zwangsarbeit und Missbrauch. Während der chilenischen Militärdiktatur diente die Colonia Dignidad als Folterstätte. Die Regierung Chiles entzog der Organisation im Jahr 1991 den Status der Gemeinnützigkeit und löste sie damit formal auf. Zudem wurde das dortige Krankenhaus geschlossen. Die Sekte gehörte damit der Vergangenheit an, das Anwesen wurde in Villa Baviera umbenannt. Durch Mobilisierung der lokalen Bevölkerung erreichte Paul Schäfer die Wiedereröffnung des Krankenhauses sowie eine Öffnung der Kolonie für Wochenend- und Ferienaufenthalte für chilenische Kinder. Es entwickelte sich eine Art deutschfolkloristischer Tourismus wie z.B. typisches deutsches Essen im Restaurant auf dem Gelände. Zunehmender juristischer Druck ließ Paul Schäfer ins Ausland fliehen und die Kolonie wurde von verschiedenen Vertrauten Schäfers geleitet. Erst mit der Festnahme Schäfers im Jahr 2005 begann eine zögerliche Aufarbeitung der Verbrechen.
2017 forderte der Deutsche Bundestag die Bundesregierung einstimmig dazu auf, die historische und juristische Aufarbeitung sowie die Klärung der Besitzverhältnisse der Colonia Dignidad/Villa Baviera in enger Zusammenarbeit mit der chilenischen Regierung voranzutreiben. Im Jahr 2020 begann eine Auszahlung seitens des deutschen Staates an etwa 200 Opfer der ehemaligen Kolonie.
Der sogenannte „kleine Süden“ Chiles ist heute eine regelrechte Bilderbuch-Landschaft mit herrlichen Bergseen, saftig grünen Wiesen, auf denen fette Milchkühe grasen und kleinen idyllischen Ortschaften mit hübschen Bauernhöfen. Man könnte sich fast im Allgäu wähnen – wären da nicht der gewaltige pazifische Ozean im Westen sowie die perfekt kegelförmigen, schneebedeckten Vulkane im Osten. Es ist eine Region, in der heute einerseits Landwirtschaft betrieben wird, die andererseits auch touristisch alles zu bieten hat, was das Herz begehrt. In den Bergen kann herrlich gewandert, ja sogar eine Vulkanbesteigung auf den aktiven Villarrica unternommen werden. Die aus den Anden herabrauschenden Flüsse laden zu Raftingtouren verschiedenster Schwierigkeitsgrade ein, die Gegend kann auf dem Rücken von Pferden entdeckt werden und viele natürliche Thermalquellen bieten erholsame Entspannung an. Auf den Seen können Bootstouren unternommen werden und im Sommer laden sie zum Baden ein. Die Infrastruktur ist gut, es gibt Unterkünfte in jeder gewünschten Kategorie. An die deutschen Pioniere dieser Gegend erinnern deutsche Namen von Unterkünften, die „Torta de Selva Negra“ (= Schwarzwälderkirschtorte) – Ausdrücke von entstandenen Hispanismen wie z.B. „Kuchenes de Manzana“ (= Apfelkuchen) oder "die Vacken geletschert" (= die Kühe gemolken).
Wenn Sie diese besondere Gegend Chiles näher kennenlernen möchten, melden Sie sich gerne. Sie ist durch den Flughafen in Pto. Montt wunderbar kombinierbar mit allen anderen Regionen Chiles.
Genießen Sie noch schöne Spätsommertage
Martina Ehrlich