Sicherlich geht es Ihnen allen ähnlich wie mir: für mich ist das neue Jahr bereits in vollem Gange, die Hälfte des ersten Monats schon wieder vorüber und die Nachrichtenflut des vergangenen Jahres überschwemmt mich mit neuen Wellen im noch so frischen neuen Jahr… Dennoch ist jeder Jahresbeginn ein Punkt zum Innehalten, in sich gehen, Zurückblicken und neue Impulse für die Zukunft definieren.
Nicht überall auf der Welt beginnt das neue Jahr mit dem ersten Januar des uns vertrauten Kalenderjahres. Diwali, das Hindu-Neujahrsfest liegt im Oktober oder November, das islamische Neujahrsfest liegt im Mai oder Juni, das chinesische Neujahrsfest im Januar oder Februar – und viele Neujahrsfeste der indigenen Volksgruppen Lateinamerikas liegen auf dem Datum ihrer Wintersonnenwende, dem kürzesten Tag des Jahres, also nach unserem Kalenderverständnis am 21. Juni. Da gibt es in den zentralen Anden zum Beispiel das berühmte Inti Raymi, das auch heute noch an vielen Orten lebendig ist und alljährlich in Cusco mit riesigem Aufwand und vielen Besuchern gefeiert wird.
Doch auch an unbekannteren Orten ist das Neujahrsfest der Indigenen am Tag der Wintersonnwende fest verankert, zum Beispiel in der Seen- und Vulkanregion Südchiles im Gebiet der Mapuche. Die Mapuche sind ein körperlich sowie mental starkes Volk, das einst die spanischen Eroberer lange bekämpft und in Schach gehalten hat und auch heute noch um Land-, Natur- und Kulturrechte kämpft. Sie feiern jedes Jahr das sogenannte Wiñoy Tripantu. Übersetzt bedeutet Wiñoy Tripantu „neue Sonne“ und es steht für die Wiederkehr von Licht und damit Leben im neuen Jahreszyklus. Ein neues Erntejahr beginnt.
Bereits im Morgengrauen beginnen die Feierlichkeiten. Die Mapuche gehen zu nahegelegenen Flüssen und Bächen, um jegliche Negativität abzuwaschen, die sie im Laufe des Jahres angesammelt haben. Dieses Reinigungsritual hilft ihnen, sich von Krankheiten, bösen Gedanken und bösen Geistern zu befreien. Dann wird ein heiliges Feuer – das sogenannte Nadü – entzündet. Es verkörpert das Licht der Sonne und es wird bis zum Sonnenaufgang des nächsten Tages am Brennen gehalten. Die Gemeinschaft der Mapuche versammelt sich in ihrer traditionellen Kleidung um das Feuer und singt und musiziert mit ihren Instrumenten und Tänzen. Die Ältesten der Mapuche Gemeinschaft erzählen uralte Geschichten mit kultureller, philosophischer und politischer Bedeutung und geben so die Kultur und an die jüngere Generation weiter. Ein spiritueller Führer – der Lawentuchefe – begleitet das Ritual, das auch Opfergaben an die Natur beinhaltet. Es werden typische Mapuche-Gerichte zusammen gegessen, die jeweils verschiedene Aspekte als Gaben der Erde symbolisieren. Sie stehen für Wohlstand, Einheit, Balance und Dankbarkeit. Neben der Verbundenheit mit und der Ehrung der Natur ist Wiñoy Tripantu Ausdruck der eigenen Identität, Bewahrung einer uralten kraftvollen Kultur und ein Gedenken an die eigenen Vorfahren und deren würdevoller Taten.
Wiñoy Tripantu ist vergleichbar mit dem oben bereits erwähnten Inti Raymi der Aymara- und der Quechua-Kultur. Wenn die Sonne nach der längsten Nacht des Jahres langsam wieder höher und länger über der Erde aufsteigt, beginnt Pachamama – „Mutter Erde“ auf Quechua, sowie Nuke Mapu – „Mutter Erde“ auf Mapudungun der Mapuche, wieder zu erblühen. Die Sonne – bekannt als Antü in Mapuche sowie Inti in Aymara und Quechua bringt dem Land neues Leben, der Prozess von Blühen, Gedeihen und Ernten beginnt erneut.
Nach den Glaubensvorstellungen der Mapuche sind Menschen tief mit der Natur verbunden, und diese transformative Energie wirkt sich gleichermaßen auf Menschen sowie Gemeinschaften aus. Elemente wie Sonne, Mond, Regen, Ozean und Wind müssen im Gleichgewicht bleiben, um unser eigenes Wohlbefinden und unsere persönliche Harmonie zu gewährleisten.
Wiñoy Tripantu besitzt eine langjährige Tradition in der Mapuche-Kultur im Süden Chiles und Argentiniens. In den letzten Jahrzehnten erlebte dieses wichtige Fest dennoch eine starke Wiederbelebung, die mit wachsendem Selbstbewusstsein und dem Kampf um Landrechte der Mapuche zusammenfällt.
Mich persönlich berührt das Selbstverständnis der Mapuche, dass stets alles im Gleichgewicht sein muss, sehr. Sie sind überzeugt, dass nur der Respekt vor der Dualität von Mond und Sonne, Frau und Mann, Winter und Sommer, Ebbe und Flut, Unbewusstem und Bewusstem usw. sowie der Einklang dieser jeweiligen Aspekte der Menschheit ein glückliches Leben schenken kann.
Ich wünsche Ihnen allen ein glückliches neues Jahr
Martina Ehrlich
