Notizen aus hohen Breiten | Mehr Expedition wagen ?


Notizen aus hohen Breiten von Andreas Umbreit

Andreas Umbreit ist Expeditionsleiter an Bord der CAPE RACE und ein wahres Urgestein der Arktis. Mit über drei Jahrzehnten Erfahrung im hohen Norden, darunter viele Jahre als Bewohner und Inhaber einer Reiseagentur in Spitzbergen, verfügt er über ein einzigartiges Hintergrundwissen.

Heute teilt er seine profunde Kenntnis der polaren Natur und Geschichte leidenschaftlich mit seinen Gästen.






Mehr Expedition wagen ?


Die Reise war eine echte Expeditionsfahrt.
Einige Male sind wir durch
völlig unkartiertes Seegebiet gefahren.
In manchen Fjorden musste ein
Deckhand (neudeutsch für Matrose)
mit einem Zodiac vorausfahren, das
Sonargerät in der Hand, um die Tiefe
zu erkunden.
Wir waren die längste Zeit das einzige
Schiff, das in dieser Gegend unterwegs
war. Teilweise waren wir sogar
außerhalb der Reichweite eines Rettungshubschraubers.
Welch ein Abenteuer!


Zitat aus der Einleitung des traumhaften Fotoreisebuchs von Christian und Monika Rauscher
Teilnehmer CAPE RACE Grönland 2025

Unsere Reisen der CAPE RACE nennen sich in der Tourismussprache „Expeditionskreuzfahrten“ und ich bin folglich „Expeditionsleiter“. Strenggenommen ist das ein etwas inflationärer Begriffsgebrauch, denn natürlich stoßen wir in keine völlig unbekannten Regionen vor (die gibt es auf der Erdoberfläche mit Ausnahme des Meeresbodens nicht mehr), machen keine Erstbesteigungen und auch nur sehr selten wirkliche Erstentdeckungen (das könnten etwa archäologische Funde sein, oder Erstsichtungen von Vogelarten in einem bestimmten Gebiet). Aber gerade mit unserem kleinen Schiff haben wir die Möglichkeit, Orte anzusteuern, die sich in keinem Reiseführer finden, deren Fjorde eventuell nicht ausgelotet sind, und wo weder wir vom Expeditionsteam, noch irgendeiner unserer Gäste jemals vorher gewesen sind. In den digitalen Aufzeichnungen aller Fahrten von AECO-Schiffen der letzten Jahre (AECO: Arctic Expedition Cruise Operators – Verband der Arktis-Expeditionskreuzfahrten-Veranstalter) können wir außerdem sehen, dass zumindest seit Beginn dieser Aufzeichnungen sich kaum oder nie ein anderes Kreuzfahrtschiff dorthin begeben hat.

In diesem Sinne ist hier etwa in Grönland also durchaus noch aufregendes Entdecken weit abseits der ausgetretenen Standards möglich. Auch für mich ist das spannend – und gleichzeitig hilft mir da meine Erfahrung aus 40 Arktisjahren, aus den wenigen Informationen aus Karten und Satellitenbildern Plätze auszuwählen, die eindrucksvoll sein dürften und unsere Teilnehmer fiebern entsprechend mit: nur an wenigen Orten der Welt ist es möglich, Punkte zu erreichen, die vom Massentourismus so verschont sind, und wohl auch bleiben. Logischerweise sind das dann aber eben Orte, die sich in keinem Reiseführer finden, die nicht als verlogener „Geheimtip“ tausendfach in Artikeln angepriesen werden. Wer das wirklich Unbekannte sucht, wird es nicht vorgetestet im Internet oder anderen Publikationen finden und von der Stange buchen können.
Genau das ist ein unbewusstes, häufiges Missverständnis: einerseits den Wunsch, pionierhaft kaum besuchte Orte zu erreichen – aber gleichzeitig die Erwartung, dass solch eine Reise möglichst viele in den Reiseführern oder im Internet angepriesene „highlights“ beinhalten soll. Das ist ein klarer Wiederspruch: was weithin angepriesen ist, wird logischerweise von entsprechend Vielen „abgehakt“. Und häufig sind das noch nicht einmal die allerschönsten Plätze, sondern oft zwar durchaus reizvolle Orte, die aber vor allem gut in eher durchschnittliche Routen passen und vor allem deshalb entsprechend häufig angesteuert und als Folge davon dann auch in jedem Reiseführer erwähnt werden. Das Paradebeispiel hierfür ist wohl das Nordkap in Norwegen: sicherlich ein imposanter Felsen, aber davon gibt es ziemlich viele in Norwegen. Berühmt ist es daher am ehesten deshalb, weil alle schon mal davon gehört haben – also muss man dort auch selbst mal hin, wenn man in Nordnorwegen unterwegs ist. Dabei ist es keineswegs der nördlichste Punkt Norwegens, sondern letztlich nur der nördlichste mit dem Auto ohne Fähre erreichbare Parkplatz (seit dem Bau des Tunnels). Ein Triumph gelungenen Marketings !

Auch in Grönland gibt es inzwischen Orte mit touristischem Gedränge zumindest im Sommer: Ilulissat mit dem berühmten Eisfjord, Sisimiut, die Hauptstadt Nuuk: alle durchaus sehenswert (und Nuuk empfehle ich allein schon wegen des lohnenden Nationalmuseums). Aber wer die Massen meiden und gar wirkliche arktische Stille erleben will, sollte dem Motto dieses Artikels folgen und „mehr Expedition wagen“, also sich auf das wirklich Unbekannte abseits der „musts“, der angepriesenen „highlights“ einlassen. Dafür ist das riesige Grönland perfekt, denn seine endlosen Küsten, Fjorde, Inseln lassen so viel Platz für tolle kaum besuchte Punkte, die noch unvoreingenommen entdeckt werden können.

Nicht nur Grönland ist hierfür perfekt, sondern auch die CAPE RACE. Und Jenen, die besondere Freude am Entdecken des Unbekannten, des nicht Angepriesenen haben, empfehle ich in diesem Blog daher ein paar Fahrten, die im Verhältnis zur Dauer nicht so große Strecken zurück legen und damit anteilig mehr Zeit haben, abseits der gängigen Routenführungen auf Entdeckungsfahrt zu gehen. Die Fotos zu diesem Blogbeitrag entstanden übrigens 2025 an Punkten, die wir vorher noch nie besucht hatten.

Für 2026 bieten in Grönland aus meiner Sicht die folgenden Tips besonders viel Gelegenheit für Abgelegeneres (und gleichzeitig sind dies außerdem auch die Grönlandreisen, bei denen ein größerer Teil der Zeit in geschützteren Fjorden verbracht wird, ein Punkt für Jene, die sich wegen Seekrankheit Sorgen machen).

 „Westküste von Narsarsuaq/Qaqortoq bis Nuuk“ (01.-16. 6. 2026):
von Südgrönland bis Nuuk – ursprünglich sollte diese Reise den Schwerpunkt auf die kaum besuchten inneren Fjorde um Nuuk legen und konnte dann nachträglich (im Katalog noch nicht geändert) um ein paar Tage verlängert werden (ohne Preisaufschlag !), sodass sie zusätzlich auch die gesamte südliche Westküste umfasst, ab Qaqortoq (dorthin wird der südgrönländische Regionalflughafen von bisher Narsarsuaq im April verlegt). Auf dieser Reise haben wir also einerseits den Übergang in der Natur von der südgrönländischen Subarktis (mit teilweise sogar Wald und Farmen) zur Arktis, und durch verhältnismäßig viel Zeit auch mehr Möglichkeiten, in die eigentlich spannenden inneren Fjorde vorzustoßen, die sonst aus Zeitmangel ausgelassen werden. Diese Reise deckt nebenbei übrigens auch das gesamte Siedlungsgebiet der Wikinger mit Ostsiedlung, Mittelsiedlung und Westsiedlung ab, deren Relikte ebenso wie heutige Inuitsiedlungen dazu gehören, oder in den inneren Fjorden vielleicht der Bereich, wo Nansen 1888 die erste Grönlandquerung abschloss ? Dies ist übrigens auch die einzige Reise des Programms, bei der die Chance besteht, innerhalb einer Reise nicht nur Eisberge und Gletscher zu sehen, sondern als dritte Eisvariante in den meisten Jahren auch noch Seeeis, das so früh im Jahr noch von Osten um das Südkap herumgetrieben wird. Ergänzung um ein Vorprogramm in Island oder Südgrönland möglich.

„Unbekanntes Südgrönland“ (09.-19. 08. 2026):
aus meiner Sicht wird Südgrönland viel zu wenig gewürdigt. Eine teils phantastische Bergwelt (mit in Kletterkreisen weltweit bekannten Steilwänden), Gletscher, vielfältige Vegetation, reichlich Spuren der Wikinger und kleine und große Siedlungen der Inuits. Auch hier bewegen wir uns überwiegend eher in geschützten Fjorden und Sunden, mit einem Mix aus bekannteren Orten, aber eben auch kaum Bekanntem. Da es sich um eine kürzere Reise handelt, empfiehlt es sich die mehrtägige An- und Abreise zusätzlich für einen Zwischenstop in Island zu nutzen – oder vielleicht auch für ein Vorprogramm auf einer südgrönländischen Farm ? Beides vorzugsweise vor der Fahrt mit der CAPE RACE.

„Ostgrönland ab/bis Kulusuk“ (01.-10. 09. und 08.-17. 09. 2026):
durch Beginn und Ende in Kulusuk müssen auf diesen beiden Terminen keine vorgegebenen Strecken zwischen zwei unterschiedlichen Punkten bewältigt werden, was viel mehr Freiheit schafft, den Bereich der wilden Ostküste um Kulusuk und Tasiilaq zu erkunden, ohne gleichzeitig auch die Bewältigung längerer ungeschützter Strecken unter möglichst ruhigen Bedingungen einplanen zu müssen. Ein verzweigtes System von Fjorden, Inseln, hohen Bergen und Eisbergen ermöglicht eine Vielfalt unterschiedlicher Natureindrücke in überwiegend geschützten Gewässern, ergänzt um die in Ostgrönland noch ursprünglichere Inuitkultur. Typischerweise fällt in diese Periode auch der überraschend farbintensive arktische „Indian Summer“ mit seinen Herbstfarben der niedrigen Vegetation und nachts wird es bereits wieder dunkel, sodass Chancen auf Nordlicht bestehen.
Angesichts der kürzeren Reisedauer und der langen An- und Abreise könnte eine Ergänzung auf dem Hinweg in Island eine Option sein, eventuell auch ein Vorprogramm in Kulusuk.


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